Session 3 – Familienangelegenheiten

Der Regen fiel schwer über die Felder nahe Elturel, als hätte selbst der Himmel noch nicht verstanden, dass die Stadt verschwunden war. Die Nacht lag dunkel über dem Hof der Familie Varcona, und der Wind strich durch die nassen Weidenzäune, ließ lose Fensterläden klappern und trug den Geruch von Schlamm und Vieh über den Hof. Zwischen Scheune und Wohnhaus standen die Wagen der Flüchtlinge dicht gedrängt, beladen mit allem, was aus der untergegangenen Stadt hatte gerettet werden können. Für diese Nacht hatte die Karawane hier Schutz gefunden.

Doch Schutz war in diesen Tagen ein brüchiges Versprechen.

Es waren Sir Toby und Cazimir, die die Unruhe zuerst bemerkte. Während das Haus still war und nur das Trommeln des Regens zu hören war, bemerkten sie Bewegungen draußen im Dunkeln. Schatten zwischen den Zäunen. Gedämpfte Stimmen. Schritte im Schlamm.

Banditen.

Sir Toby zögerte keinen Augenblick. Seine kleinen Holzfüße klackten über die Dielen, während er durch das Haus lief und die Schlafenden weckte. Türen wurden geöffnet, Namen gerufen, Schultern geschüttelt. Zarissa und Rhialla griffen als erste nach ihren Waffen. Während sie sich bereit machten, eilte Sir Toby weiter durch das Gebäude und weckte die anderen Höllenreiter.

Als sie hinaus in den Regen traten, warteten die Angreifer bereits und Kämpften mit Cazimir, der alleine die Stellung hielt.

Die Männer, die zwischen Stall und Scheune lauerten, waren keine Fremden. Es waren dieselben Banditen, die erst am Tag zuvor von der Straße vertrieben worden waren. Offenbar hatten sie beschlossen, dass der Hof in der Nacht ein leichteres Ziel wäre.

Der Kampf begann schnell und chaotisch.

Zarissa stellte sich den Angreifern mit Schild und Langschwert entgegen. Ohne ihre schwere Rüstung wirkte sie im Regen fast leichter, doch ihre Klinge fand nur selten ihr Ziel. Manche Schläge schnitten ins Leere, andere trafen nur die Dunkelheit zwischen den Männern. Doch sobald einer der Banditen versuchte, sich aus ihrem Kampf zu lösen, war sie plötzlich da – und ihr Schwert ließ ihn nicht entkommen.

Rhialla bewegte sich zwischen den Kämpfenden, ihre Hände von sanftem Licht umgeben. Wo Stahl Fleisch aufriss, schloss ihre Magie Wunden und hielt die Verteidiger des Hofes auf den Beinen.

Sir Toby selbst war kaum zu verfolgen. Der kleine Körper bewegte sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch den Regen, seine Fäuste trafen mit der Präzision eines geübten Kämpfers. Mehr als ein Bandit wurde von einer Gestalt niedergestreckt, die kaum bis zu seiner Hüfte reichte.

Cazimir hingegen kämpfte auf seine eigene Weise. Während die anderen den Hof verteidigten, war er plötzlich an Orten zu sehen, an denen niemand ihn erwartet hätte – auf einem Dachvorsprung, an einer Wand, hoch über den Köpfen der Angreifer. Von dort schleuderte er dunkle Energiestrahlen in den Kampf, jeder Einschlag hart wie ein Hammerschlag. Zwischen zwei Angriffen murmelte er Worte, die selbst im Regen unheilvoll klangen, und ein Bandit brach plötzlich unter einem unsichtbaren Fluch zusammen.

Auch die Höllenreiter griffen in die Schlacht ein. Zevlor führte sein Breitschwert mit ruhiger Entschlossenheit, während Brannon seinen Zweihänder mit brutaler Kraft führte. Adrian kämpfte schnell und nah, und Nadiras Pfeile fanden ihre Ziele selbst im strömenden Regen.

Einer der Banditen schleuderte schließlich eine Flasche Alchemistenfeuer in den Hof. Das Glas zerbarst, und für einen Moment tanzten Flammen über das nasse Holz. Doch der Regen und der Schlamm verschluckten das Feuer bald wieder.

Der Angriff dauerte nicht lange.

Als der Kampf endete, lagen die Banditen tot im Schlamm des Hofes. Nur ihr Anführer überlebte, schwer verwundet und kaum bei Bewusstsein. Zevlor und Rhialla kümmerten sich um ihn, während der Regen langsam die letzten Spuren der Schlacht fortspülte.

Der Rest der Nacht verlief stiller.

Noch bevor der Morgen graute, begann Zarissa damit, die Gefallenen zu begraben. Der Boden war weich vom Regen, und die Arbeit ging schneller voran, als ihr lieb war. Während sie die Gräber schaufelte, trat ihr Großvater Akus Varcona zu ihr. Der alte Tiefling beobachtete eine Weile schweigend ihre Arbeit, bevor er schließlich sprach.

Der Angriff hatte gezeigt, was alle längst ahnten. Der Hof konnte nicht mehr verteidigt werden, zumindest nicht von einem Mann allein. Zu viele Menschen hatten kämpfen müssen, um ihn zu halten. Es war Zeit, weiterzuziehen.

Die Worte blieben lange zwischen ihnen in der kalten Morgenluft hängen.

Im Haus selbst spielte sich zur gleichen Zeit eine andere Szene ab. Sir Toby betrachtete mit ernster Miene die Reste seiner Kleidung, die im Kampf verbrannt worden waren. Die kleine Puppe erklärte, dass er Nähzeug benötige, doch niemand der Anwesenden hatte etwas Derartiges dabei. Schließlich fand Rhialla Ersatz in den alten Sachen von Rasqual, die dem Jungen längst zu klein geworden waren. Sir Toby nahm sie mit sichtlicher Freude entgegen und setzte sich kurz darauf zu den Kindern, um ihnen Geschichten von seinen Heldentaten als Ritter zu erzählen. Für eine Weile füllte Kinderlachen das Haus.

Am nächsten Morgen traf Zarissa schließlich die Entscheidung, die längst unausweichlich geworden war. Sie sprach mit ihrem Vater über das, was geschehen war. Der Hof konnte nicht länger gehalten werden. Nach einem schweren Gespräch stimmte er schließlich zu, das die Familie sie nach Baldurs Gate begleiten wird.

Doch kaum war diese Entscheidung gefallen, zeigte sich ein weiteres Problem. Arron, der Händler der Karawane, hatte die Vorräte überprüft. Die Lebensmittel der Familie Varcona reichten kaum aus, um die große Gruppe von Flüchtlingen länger zu versorgen. Vielleicht zwei Tage, mehr nicht.

Also begann ein weiterer Tag harter Arbeit. Gruppen zogen in den Wald, um Beeren, Pilze und essbare Kräuter zu sammeln. Andere stellten Fallen oder suchten am Fluss nach Fischen. Währenddessen organisierten Zarissa und Zevlor die Aufgaben der Karawane neu, sodass jeder seinen Teil beitragen konnte.

Als der Abend kam, hatten sie genug Nahrung für einige weitere Tage gesammelt. Es war kein Überfluss, doch es reichte, um die Reise fortzusetzen.

Am dritten Tag setzte sich die Karawane erneut in Bewegung. Ihr Ziel war Fort Morninglord, eine alte Festung der Hellrider. Doch als sie die Hügel vor der Festung erreichten, sahen sie schon aus der Ferne, dass der Ort längst überfüllt war. Zelte, Wagen und Menschen drängten sich vor den Mauern, Flüchtlinge aus allen Richtungen hatten sich dort gesammelt.

Nach kurzer Beratung entschied die Gruppe, das Lager nicht zu betreten. Zu viele Menschen bedeuteten zu viele hungrige Mäuler, und ihre eigenen Vorräte waren knapp genug.

Außerdem war die Festung selbst kein Ort, an dem man lange bleiben wollte. Einst hatte man dort Paladine verschiedener Glaubensrichtungen ausgebildet, doch eines Tages war etwas geschehen, das niemand mehr genau erklären konnte. Die Mauern der Festung waren schwarz und verzogen, als wären sie geschmolzen. Aus Angst vor dem, was darin verborgen sein könnte, hatte High Overseer Thavius Kreeg die Tore der Festung zumauern lassen.

Die Karawane zog weiter.

Arron erinnerte sich an einen verlassenen Tempel der Glücksgöttin Tymora, nicht weit von dort. Der Ort sollte leer stehen und zumindest Schutz vor Wind und Regen bieten.

Doch als sie den Tempel erreichten, fanden sie keinen Schutz.

Die Kapelle war voller Leichen.

Flüchtlinge lagen über den Steinboden verteilt, verstümmelt und grausam zugerichtet. Blut hatte sich zwischen den Steinplatten gesammelt, und die Luft roch nach Tod.

Während einige der Gruppe die Umgebung untersuchten, kletterten Sir Toby und Cazimir auf das Dach der Kuppel, um nach möglichen Angreifern Ausschau zu halten. Von dort oben war jedoch nichts zu sehen außer den schweren Wolken, die über die Hügel zogen.

Im Inneren des Tempels fand Rhialla schließlich ein Medaillon an einer der Toten. Das Symbol darauf war eindeutig – das Zeichen der Toten Drei: Bhaal, Myrkul und Bane, dunkle Gottheiten, deren Namen in den Geschichten von Baldur’s Gate immer wieder mit Blut und Verrat verbunden waren. Die Wände der Kapelle waren mit ihren Symbolen beschmiert.

Doch etwas daran ergab keinen Sinn. Die Spuren deuteten darauf hin, dass Goblins für das Massaker verantwortlich waren, und Goblins verehrten normalerweise ihre eigene Göttin Maglubiyet.

Warum also dienten sie den Toten Drei?

Die Frage blieb unbeantwortet.

Denn plötzlich rief Cazimir vom Dach.

Alle blickten zum Himmel.

Zwischen den grauen Wolken bewegte sich etwas Großes. Ein geflügeltes Wesen zog lautlos seine Kreise über dem Tempel, hoch über ihnen, fast nur als dunkler Schatten zu erkennen.

Und während sein Schatten über die Kuppel glitt, wurde klar, dass ihre Reise nach Baldur’s Gate noch lange nicht sicher war.

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