Am Abend des 16. Thunsheer hing ein fahler Dunst über den zersplitterten Mauern der versunkenen Zwergenfestung. Der Geruch von kaltem Rauch und Blut lag in der Luft. Die Hupperdudes standen zwischen den reglosen Körpern der eingeschläferten Gegner, die sie kurz zuvor unschädlich gemacht hatten. Chook, dessen Augen wie die eines gehetzten Waldtiers ständig über die Schatten glitten, hob plötzlich eine Hand. Hinter der Ruine nahm er Geräusche wahr.
Da vorne in der Ruine keine Bewegung mehr zu erkennen war, schlichen die vier vorsichtig zur Rückseite der zerstörten Festung. Zwischen zwei halb eingestürzten Steinplatten fanden sie den Ursprung des Geräuschs: Zwei Goblins standen vor einem kleinen, rostigen Käfig und ergötzten sich am Schmerz einer gefangenen menschlichen Frau. Ylvas Atem wurde schwer, und die Anspannung in ihren Schultern genügte, um Chook sofort zu verstehen. Er saß noch auf ihren Schultern, der Zauber, der beide wie einen Oger hatte aussehen lassen, kaum noch stabil. Ohne ein weiteres Wort stürmte Ylva los. Der Anblick der Grausamkeit war für sie unerträglich. Der Zauber brach in dem Moment, als sie in den offenen Bereich preschte.
Mit einem brutalen, von Wut getragenen Schlag spaltete sie den ersten Goblin, bevor er überhaupt seine Waffe heben konnte. Chook, flink wie immer, ließ einen präzisen Treffer folgen, der den zweiten Goblin schwer verletzte. Doch bevor sie ihn niederstrecken konnten, hechtete der Goblin davon – kreischend, voller Panik – und verschwand im Inneren der Festung. Kurz darauf hallte sein Alarmruf durch die Ruinen. Aus dem Zelt neben dem Käfig löste sich eine weitere Gestalt: ein Goblin, der blindlings hinauslief – und direkt in Mouq hineinrannte. Der kleine Barde, selbst als Goblin verkleidet, schlug ohne Zögern zu und überraschte den Gegner, bevor dieser sich orientieren konnte. Währenddessen kniete Alice bereits am Käfig nieder und ihre Finger glitten sanft über die Wunden der Gefangenen. Warmes, weiches Licht sickerte zwischen ihren Händen und dem Heilungstrank und schloss die schlimmsten Verletzungen.
Doch im Herzen der Festung entfaltete sich eine andere Bedrohung: Vier Goblin-Schamanen, ihre Körper mit getrocknetem Blut bemalt, hatten mitten in einem Ritual gestanden. Jetzt starrten sie die Hupperdudes an, ihre Stimmen flüsternd und schrill zugleich, als sie begannen, flackernde, geisterhafte Kräfte zu entfesseln.
Chooks Rankenzauber ließ den Boden erzittern. Aus den zersprungenen Steinplatten schossen zähe Wurzeln hervor und packten zwei der Schamanen an den Beinen. Die anderen beiden wichen rasch zurück und ließen ihre mentalen Angriffe los – wie unsichtbare, vibrierende Klingen, die in die Köpfe der Hupperdudes stachen. Doch die vier Abenteurer standen zusammen. Chook arbeitete mit schnellen, konzentrierten Hieben; Mouq ließ seine Stimme und Magie ineinander übergehen, ein unwirkliches, schneidendes Echo, das die Schamanen aus dem Gleichgewicht brachte. Und Ylva, der Zorn noch immer in ihr brodelnd, stürmte nach vorn, rücksichtslos und unaufhaltsam. Als der letzte Schamane zu Boden sank, lag ein unruhiges Schweigen über dem Ort.
Alice beendete ihre Heilung und half der Gefangenen auf die Beine. Die Frau stellte sich als Shava vor – die verschwundene Gefährtin des Söldners Kairon, der die Hupperdudes hierher geschickt hatte. Ihre Stimme zitterte, doch drängte sie mit brennender Dringlichkeit: Die Artefakte aus Molaesmyr, die die Goblins gestohlen hatten, mussten zurück nach Shadycreek Run, sonst würde man sie zur Verantwortung ziehen – mit tödlichen Konsequenzen.
Erschöpft sammelten sich die Hupperdudes in der Ruine. Chook nippte an einem von Alice zubereiteten Trank, der ihm half, die orkischen und dämonischen Schriftzeichen zu entziffern, die die Wände zierten. Die Worte enthüllten rituelle Anbetungen und Blutopfer an einen Dämon namens Yarrowish.
Ein weiterer Brief deutete auf eine Kooperation hin, die kaum zu glauben war. Die Uttoloth-Familie, eine der vier herrschenden Familien Shadycreek Runs, hatte die Goblins und Oger offenbar mit Gold und Vorräten versorgt – im Austausch dafür, dass sie Reisende auf der Handelsstraße überfielen. Die Familie sicherte sich anschließend einen Teil der Beute und verstärkte damit ihren Einfluss auf die Handelsrouten und den Schwarzmarkt. Oruk-Dur, der orkische Anführer dieser goblinoiden Bande, war der Kopf der Kooperation in der Festung.
Ylva hörte währenddessen Shavas Worte über die politischen Intrigen Shadycreek Runs nur halb. Als sie erfuhr, dass die Frau möglicherweise Informationen über das Schicksal ihres eigenen Bruders Thrandar hatte – der vermutlich als Sklave verschleppt worden war –, verwandelte sich ihre innere Unruhe in lodernde Ungeduld. Shava versuchte einen Handel anzubieten: Wenn die Hupperdudes ihre Artefakte zurückholten, würde sie reden. Ylva verlor die Fassung. Ihre Stimme, scharf wie ein Beil, drängte Shava, die Wahrheit sofort preiszugeben. Doch Shava verschloss sich, voller Furcht und Misstrauen.
Mouq gelang es, die Situation mit ruhigen, warmen Worten zu retten, während Alice mit bedachter Gedult Ylvas Jähzorn beruhigte. Nach einem langen, vorsichtigen Gespräch stimmte Shava erneut zu – der Deal bestand weiterhin. Alice warnte eindringlich: Der Speer, den der Kult hier verehrte, sei von einer dunklen, unheilvollen Macht durchdrungen. Dennoch mussten sie hinauf zum zerstörten Turm, wo der Anführer des Kults – der orkischer Kriegsherr Oruk-Dur – wartete.
Die Elfin schickte ihre Tressym, Nira, den Turm hinauf. Mit eleganten Flügelschlägen verschwand das kleine Wesen in der Dunkelheit, und kehrte nach einem Moment zurück, um von oben herab die Lage zu schildern. Kurz darauf kletterten die Hupperdudes selbst über das Dach – leise, angespannt, bereit zum Überraschungsangriff. Mouq war der Erste, der den Kopf durch die Luke senkte. Ein Fehler.
Oruk-Dur hatte auf genau diesen Moment gewartet. Ein greller, pfeifend vibrierender Blitz schoss aus dem Speer in seiner Hand hervor, breitete sich wie ein reißender Strom über die gesamte Luke aus und riss fast die ganze Gruppe zu Boden. Alice brach bewusstlos zusammen, ihr Körper schlaff, Rauchfäden stiegen aus ihrem Umhang. In panischer Entschlossenheit stürzten Mouq und Chook in den Nahkampf. Ylva aber, die Alice am Rande des Todes sah, nahm keine Rücksicht mehr auf Gefahr. Mit bebenden Händen griff sie nach dem Trank der Stärke des Steinriesen in ihrer Tasche.
Wenige Augenblicke später hallte ein tiefes Knacken durch den Raum, als sich ihre Muskeln verhärteten wie Granit. Sie sprang vor, packte den Ork, riss ihm mit brutaler Gewalt den Speer aus den Händen. Der Kultführer taumelte zurück. Seine Augen glänzten seltsam – nicht vor Angst, sondern vor fanatischer Ekstase. Als Ylva die unheilvolle Waffe in Händen hielt, hob er sein Kinn, lächelte ein irrsinniges, gruseliges Lächeln… und schnitt sich selbst die Kehle durch. Das Geräusch seines Sturzes hallte durch den Turm. Und für einen Moment war alles still.

