Die Hüterin des wundersamen Hains stellte sich als Caelith vor. Ihre Beine hatten Fell und endeten in Hufen, was sie sofort als Spross des Feywild auszeichnete. Zusammen mit ihrem funkelnden Fuchs Vex hütete sie hier diesen Friedhof, auf dem zahllose Kreaturen ihre letzte Stätte gefunden hatten. Grabsteine standen verstreut zwischen alten Wurzeln, anmutigen Blumen und duftenden Kräutern. Es ging eine wundersame und mystische Aura von diesem Ort aus; gerade im Kontrast zum verdorrten Wald wirkte seine Schönheit und Stille wie aus einem Traum. In der Mitte des Haines stand ein majestätischer Baum, von dem die Präsenz der Wildmother geradzu herausbrach, die offensichtlich stark genug war, sich gegen den Fluch des Waldes zu behaupten.
Die erschöpften Hupperdudes konnten hier zum ersten Mal ihre Anspannung ablegen, seit sie den Wald betreten hatten. Sie waren hier in Sicherheit, wie die Satyrin ihnen versprach. Sie erfrischten sich in den klaren Teichen des Hains und erlaubten sich eine kurze Verschnaufpause, bevor sie sich an ihre traurige Pflicht begaben. Schnell waren Gräber ausgehoben, doch als Ylva ihren Bruder gerade hinablassen wollte, krächzte eine aufgebrachte Schar schwarzer Raben warnend. Caelith erkannte, dass die Raven Queen, die Göttin des natürlichen Todes, dieses Begräbnis nicht guthieß. Seine Seele hatte die Schwelle zum Tod nicht überschritten, sondern war lediglich gefangen.
Sie betteten Thrandar stattdessen auf den Altar in der alten Ruine im Hain, wo Ylvas Trauer und Caeliths Wirken seinen Leichnam mit einem Kokon aus Blumen umwachsen ließen. Ihre farbenfrohe Schönheit war ein harter Kontrast zu dem, was sie behüteten. Als Ylva betete, war es zum ersten Mal seit Langem, als würde ihr die Wildmother die Hand reichen, um zu trösten und aufzuhelfen.
Alice fand ihre letzte Ruhe in einem fremden Land fernab ihrer Heimat, inmitten eines verfluchten Waldes, zwischen den Wurzeln eines gesegneten Baumes. Während sich Caelith respektvoll zurückhielt, waren es nunmehr nur noch drei Gefährten, die ihr die letzte Ehre erweisen konnten. Aber auch ihre tierischen Begleiter spürten den bitteren Abschied. Alice’s Tressim Nira kauerte still am Grab, bis die letzte Schaufel Erde wieder aufgefüllt war.
Am Abend saßen die Hupperdudes auseinander, jeder seinen Gedanken nachhängend. Chook brütete über seinen Karten, Mouqs Laute echote sanft im Hintergrund und Ylva nahm weiter stillen Abschied am Grab. Caelith reichte wundersamen und wohltuenden Tee und spendete sanften Trost und Ablenkung von den Geschehnissen des Tages. Sie erzählte vom Feywild, und dass der Hain ihr Auftrag und ihre heilige Pflicht war. Doch da der Fluch des Waldes auch diesen reinen Ort zu verderben versuchte, hatte sie viel Zeit und Aufwand damit verbracht, den Wald nach möglichen Lösungen zu durchsuchen.
Sie wusste, dass die Ursache des Übels in Molaesmyr lag. Jedoch war die verlorene Stadt extrem gefährlich; sie hatte es nie bis dort hinein geschafft. Aber in ihrer Erkundung des Savalirwoods hatte sie auch eine mächtige Resonanz der Wildmother gespürt, die von einer einzelnen Quelle ausgegangen war. Sie vermutete, dass es sich um ein Artefakt oder etwas ähnlich Mächtiges handelte, was in den richtigen Händen eine immense Hilfe gegen den Fluch sein könnte.
Die Gnombrüder schliefen in Nacht in der kleinen Hütte von Caelith, während Ylva die Natur draußen bevorzugte. Am nächsten Morgen wurde sie von der Stimme von Essek Thelyss aus dem Sending Stone geweckt, der eine knappe Weisung in Richtung Uthodurn gab, wo er mit Neuigkeiten auf die Hupperdudes warten würde. Er deutete an, dass das Grimoire Infinitus eine Lösung für Thrandar sein könnte, konnte dies aber in seiner kurzen Nachricht nicht näher erläutern.
Es gab ein spärliches, aber ausreichendes Frühstück in der Hütte. Die Hupperdudes bezogen Caelith mehr und mehr in ihre Pläne ein, da geteiltes Interesse bestand. Caelith hatte Wegweiser im Wald verteilt, kannte ihn vielleicht besser als jeder andere, und war außerdem zuversichtlich, alles bis auf die verheerendsten Wunden heilen zu können. Die Hupperdudes hatten indes einen verlockenden Auftrag von Lord Darko erhalten, es mit Molaesmyr aufzunehmen. Vorerst jedoch war ihr erstes Ziel eine Karawane, ebenfalls von Lord Darko, die von Molaesmyr auf dem Weg zurück nach Shadycreek Run verschwunden war.
Caelith fiel auf, dass das Amulet von Chook, dass dieser von seiner Mutter geerbt hatte, druidisch war. Es stammte offenbar von einem druidischen Kreis mit enger Bindung zu Tieren, doch wies es auch die Handschrift von Magrett selbst auf. In das Metall waren Runen für Chook, für einen Wolf und für ihre grenzenlose Liebe hineingewirkt. Diese Mitteilung war überraschund für die beiden Brüder, die von dieser Seite ihrer Mutter nichts gewusst hatten.
Doch auch Mouq zog ihre Aufmerksamkeit wieder und wieder auf sich, beziehungsweise auf seinen Beutel, aus dem eine beharrliche Präsenz der Wildmother herausdrang. Als sie ihn darauf ansprach, kramte dieser nach einer kurzen Weile – und neben vielen anderen Kuriositäten – den Schwertgriff hervor, den das Weisenkind Lyssa ihnen in Shadycreek Run überlassen hatte. Er endete in einer sauberen abgebrochenen Klinge kurz nach der Parierstange. Ylva griff danach, und nun wissend, wochnach sie suchte, konnte tatsächlich die schlummernde Macht der Wildmother im Mithril fühlen. Sie stimmte mit der Aura, die Caelith im Wald gespürt hatte, überein.
Aufgeregt steckten die beiden Gnome die Köpfe zusammen und berieten sich. Mouq musste zähneknirschend zugeben, dass seine Expertise eher bei Kesseln und Messern lag, nicht beim Zusammenschmieden von legendären Artefakten. Jedoch war Uthodurn, der Ort, an den Essek sie treffen wollte, zufällig eine gewaltige Bastion von Zwergen und Elfen, die nicht gänzlich zu Unrecht stolz auf ihre Schmiedekunst waren. Außerdem wohnte dort auch Dulgrim Smeltborne, der vielleicht beste und berühmteste Schmied von allen, und das legendäre ‘Cinderrest Sanctum’ lag unweit der Stadt unter dem Vulkan Kravaraad. Es war eine sagenumwobene Schmiede der Superlative aus längst vergangener Zeit; wenn etwas dort nicht geschmiedet werden konnte, würde es nirgendwo gehen.
Da Caelith etwas Vorbereitung für ihre Abreise brauchte, bat sie die Hupperdudes, noch einen Tag im Hain zu bleiben und sich zu erholen. Diese stimmten sofort zu, da ein ganzer Tag Erholung gar nicht schlecht klang und sie ohnehin noch ihre Funde untersuchen und verteilen mussten, die sie in aller Eile eingesteckt hatten. Insbesondere der Luxon Beacon schrie nach Aufmerksamkeit, aber auch die magischen Gegenstände, Schriftrollen und Folianten warteten geradezu nur darauf, ihre Geheimnisse preiszugeben.

