Dungeons and Dragons & Das Schwarze Auge in Ulm
 
Suma Silberhirsch

Suma Silberhirsch

Das Erste, was meine unerfahrene Seele auf dieser Welt erleben durfte, waren die Eindrücke von süßlichem Duft der Waldpflanzen, die wohltuende Wärme eines prasselnden Feuers, sowie die neugierigen Blicke der Umstehenden, die auf mir ruhten. Ich wurde in einem beschaulichen Dorf inmitten des wundervollsten Geschenks von Silvanus geboren: Der Hohe Wald. In meiner Kindheit sog ich die wilde Natur von Silvanus mit all meinen Sinnen auf, lernte was es hieß in einer sich treuen Familie aufzuwachsen und wie ein jeder die Gaben von Silvanus annahm und respektierte.

Es geschah an einem kühlen Herbsttag, als die Blätter farbenprächtig und die Winde gesprächig waren. Wir verließen die Lichtung nach Osten, das erste Mal durften wir alleine fortziehen und es war kein Ausflug in das nahe Dessarintal um unsere Händler zu begleiten. Heute ließen wir den lichten Waldrand hinter uns und traten durch das feuchte Moos tiefer in das Herz von Silvanus hinein. Melleki, mein bester Freund, war schon einige Monde älter als ich und wusste, wo wir geeignete Beute für die Jagd finden würden. Falke, unser Mentor, hatte uns bei der Abreise ermahnt nur das nötigste zu erlegen, um das Gleichgewicht zu wahren. Melleki folgt der frischen Spur eines alten Hirsches, ein leichtes Ziel für die erste Jagd. Meine Hände rutschten schwitzig den Jagdbogen entlang, bei dem Gedanken, dass ich den Pfeil abschießen werde. Irgendetwas stimmte nicht, die Spuren wurden schneller. Zu flink für einen alten Hirsch. Der Wind hörte auf zu reden, ließ den Duft nicht mehr an uns heran. Der Wald wollte nicht, dass wir den Hirsch erlegten. Nichtsdestotrotz sportnen uns die Umstände an.

Das plätschernde Geräusch von gedämpften Stimmen lockte Melleki und mich zu einer Lichtung. Zwei große Ulmen ragten über den Ort wie ein großes Tor. Ihre Äste waren ineinander verwoben und von dornigen Rosen aus rosaroten Blüten bewachsen. Sie dufteten wie ein frisch gebackener Waldbeerkuchen, den man zum Auskühlen abgestellt hatte. Der alte Hirsch war nirgends zu sehen, doch die Stimmen kamen deutlich von den Ulmen. Melleki ging voraus, angetan von dem Waldbeerkuchen, den wir uns beide erträumten. Ein dichter grünlicher Nebel waberte aus den Rosen und bildete einen Spiegel zwischen den Baumstämmen. Bunte Schmetterlinge stoben in einem Schwarm heraus. Da sahen wir beide das prächtige Geweih des Hirsches, vernebelt im Spiegel, aber dennoch unverkennbar. Ich legte einen Pfeil an die Sehne, doch Melleki unterbrach mich mit einer lautlosen Handbewegung. Melleki näherte sich geräuschlos dem Nebel, meine feuchten Finger ließen die Bogensehne locker werden. Auf der Lichtung wurde es unnatürlich Still, nur der Geruch des Waldbeerkuchens war noch da. Ich machte mir sorgen um Melleki, rief ihn zurück, aber er antwortete Nicht. Er war nicht mehr er selbst, wurde von dem Ulmentor angezogen wie eine Motte an das Licht. Plötzlich schoss eine Pranke mit ledrig grüner Haut aus dem Nebel und packte Melleki, der sich nicht wehrte. Das ganze Ungetüm zeigte sich, präsentierte seine drachenartigen Flügel, seine dürre Gestalt und die liedloßen weißen Augen. Das Geschrei der Kreatur durchdrängte meine Adern bis zu den Füßen und setzte mich fest, wie Wurzeln die sich an den Stiefeln verhedderten. In einem Augenblick waren Melleki und das geflügelte Monster verschwunden. Alles war verschwunden. Ich dachte meine Augen und meine Nase trügten mich, aber die Sinne waren weggeblasen. Der Herbstwind redete wie wild auf mich ein und ich war starr vor Schock. Melleki, mein treuester Freund, war verschwunden. Und ich hatte nichts dagegen unternommen.

Fast 14 Jahre waren vergangen, doch kein Tag verging ohne die schmerzenden Erinnerungen. Ich lenkte mich mit einem Buch ab: Einer Abhandlung über die Drachenarten. Seit Melleki verschwand, habe ich herausgefunden, was ihn entführt hatte: Ein Jabberwock, eine Unterart der grünen Drachen, beheimatet im unerreichbaren Feywild. Unerreichbar bis jetzt jedenfalls, denn sollte mir Silvanus die Gelegenheit geben, werde ich nicht zögern meinen Erinnerungen die Dornen abzubrechen.

Am nächsten Tag sollte eine Feier im Dorf stattfinden, zu Ehren meiner 30 Jahreswenden. Diese Zeremonie besiegelt die Mündigkeit, die ein jeder Firbolg im Rahmen seiner Ausbildung erreicht. Die Feststellung, dass ich in einer Nacht meinen eigen Weg gehen würde machte mich nervös. Ich schlug das Buch zu und wühlte noch lange in meinen Gedanken, bevor ich zur späten Stunde einschlief.
Die warmen Sonnenstrahlen, die durch das Fenster fielen und sich auf mein Gesicht legten weckten mich am nächsten Morgen. Draußen waren die Vorbereitungen zu den Festlichkeiten im vollen Gange. Es roch nach gewürztem Wildfleisch und heißer Milch mit Honig. Der Gedanke an mein Lieblingsgetränk ließ meine Nervosität schwinden und spornte mich dazu an, aufzustehen.

Falke, unser Mentor, führte die Zeremonie an. Er saß an seinem gewohnten Platz, dem größten Ast des Versammlungsbaumes, der inmitten des Dorfes wuchs. Die Eiche überragte alle anderen Bäume und Häuser um Längen, schließlich waren ihre Wurzeln und Geschichten uralt. Uralt wie Falke, unser Erzdruide. Niemand im Dorf hatte ihn je in seiner Firbolg-Form gesehen, er bevorzugte die Gestalt eines weiß gefiederten Falken. Alle wussten um sein Alter, respektierten ihn und lauschten bedächtig seinen Worten. Die Zeremonie hatte gerade begonnen. Im Hintergrund mischte sich der Duft des Wildfleisches von den gedeckten Tischen mit den Rosenblüten die schmuckvoll um die Eiche gelegt wurden. Ich hasste es im Mittelpunkt zu stehen und hoffte, dass die Zeremonie schnell vorüber ging. Andererseits konnte ich es kaum erwarten meine Mündigkeit und den Respekt meiner Familie und Heimat zu bekommen. Im Nachhinein wünschte ich mir, ich hätte den Moment genossen und ausgekostet, denn er war von kurzer Dauer.

Zu Beginn war das Rauschen des starken Windes zu spüren. Die Äste knackten und bemalten die andächtige Stille mit ängstlichen Farben. Es ertönte Gebrüll, so ohrenbetäubend wie der Ausbruch eines Vulkans, der seine kochend heiße Lava über Silvanus Landschaft versprühte. Ein roter Drache griff das Dorf an, zusammen mit bewaffneten Menschen die aus den Schatten sprangen. In einem Augenblick wandelte sich friedvolle Lichtung in ein undurchschaubares Chaos. Angsterfüllte Schreie hallten über die Lichtung, Geräusche von explodierender Magie, versengende Hitze und überall rot züngelnde Flammen. Mit Tränen vom Rauch in den Augen, versuchte ich mich zu orientieren. Ich sah den Schwertstreich nicht kommen, spürte aber den stechenden Schmerz an meinem Kopf. Alles wurde dunkel. Ich wusste nicht wie viele Stunden ich auf dem harten Boden lag, schlussendlich weckte mich der beißende Rauch in meiner Lunge. Ich hustete und drückte mir die linke Hand gegen den pochenden Schädel. Um mich herum sah ich die letzten Rauschwaden in den Himmel steigen. Alles war zerstört. Ich hörte, wie die Verwundeten klagten, Kinder weinten und sah wie unsere Krieger wortlos die Toten aus den Trümmern bargen.

Die Erinnerungen an diesen Tag versuchen aus meinem Gedächtnis zu fliehen und ich weiß nicht mehr viel davon, was danach geschah. Die Plünderer gehörten dem Drachenkult an, der brandschatzend durch den Norden zog. Unserer Heimat hatten sie den wichtigsten Schatz gestohlen: Ein gesegnetes Artefakt von Silvanus, eine Statuette aus purem Gold. Für den Kult mag es materiellen Wert haben, aber für meine Heimat ist es das Herz für die Gemeinschaft, wie es die Wilde Natur für Silvanus Reich ist. Seit dem Tag an dem das Artefakt entfernt wurde, zerfällt unsere Lichtung. Die Eiche verliert träge ihre Blätter, welche im trockenen Boden verrotten. Tiere meiden unsere Heimat, viele sind erkrankt und die heilenden Kräfte von Silvanus schwinden stetig. Die Ältesten hielten unter der Führung von Falke einen Rat ab, der die Zukunft des Dorfes entscheiden sollte. Jäger und Druiden wurden entsandt, um zurückzubringen, was uns gestohlen wurde. Ich meldete mich freiwillig. Es war ein Impuls spontaner Natur, eigentlich ungewöhnlich für mich. Allerdings fühlte es sich richtig an etwas zu tun, zu helfen.

In den nächsten Tagen bereitete ich meine Abreise vor. Ich verabschiedete mich von meiner Familie, versuchte ein Lächeln anzustimmen, was nicht der Wahrheit entsprach. Schließlich hatte ich hier mein ganzen Leben verbracht und der Gedanke jetzt weit davon zu ziehen, brachte mir Kummer. Es nagte an mir, dass die Zeremonie meiner Mündigkeit nie ein Ende gefunden hatte. Einestages würde ich den richtigen Zeitpunkt dafür finden, die Zeremonie zu vollenden und innere Ruhe zu schließen. Bis dahin lag eine lange Reise vor mir. Ein Funken Hoffnung trieb mich allerdings an: Die Erwartung neue Länder und Freunde zu finden.