Die Schattenverfluchten Lande gaben nichts freiwillig preis. Jeder Schritt durch ihre Finsternis war ein Kampf gegen eine Macht, die selbst Hoffnung und Erinnerung zu verschlingen schien. Tief unter den verfallenen Mauern eines alten Lathander-Tempels wartete eine weitere Prüfung auf jene, die den Flüchtlingen den Weg nach Baldur’s Gate bahnen wollten.
Kaum hatten die Gefährten die Katakomben betreten, lösten sich vier geisterhafte Gestalten aus einem uralten Spiegel. Einst hatten sie als Priester dem Morgenfürsten gedient, doch nun waren sie nur noch verdorbene Abbilder ihrer selbst. Blind vor Hass hielten sie die Eindringlinge für Anhänger Shars und ließen weder Vernunft noch Gnade zu. Ihre Berührungen raubten nicht nur das Leben, sondern auch die Kraft ihrer Opfer. Besonders Zarissa spürte die Last dieses Fluches, bis selbst ihre Rüstung und ihre Klinge kaum noch zu tragen waren. Erst eine kurze Rast verschaffte der Gruppe die nötige Stärke, ihren Weg fortzusetzen.
Während Rhialla die schützenden Kerzen zu den Flüchtlingen brachte, nutzten die übrigen Gefährten die kurze Rast, um in den alten Hallen des Tempels neue Kraft zu sammeln. Doch die Schattenverfluchten Lande kannten keine Gnade. Noch ehe der Weg fortgesetzt werden konnte, lösten sich drei weitere geisterhafte Gestalten aus der Finsternis und fielen über die Rastenden her.
Einer der Schatten nahm die Gestalt von Zarissas jungem Bruder an. Der Anblick traf sie mit solcher Wucht, dass sie wie gelähmt innehielt. Auch Sir Toby brachte es nicht über sich, die Hände gegen ein Kind zu erheben, selbst wenn jeder Verstand ihm zuflüsterte, dass es unmöglich echt sein konnte. Erst als Rhialla, durch den Lärm des Kampfes alarmiert, zu ihren Gefährten zurückkehrte, erkannte sie den Trug. Mit klaren Worten rissen Cazimir und sie Zarissa aus der Täuschung und offenbarte das wahre Wesen der Kreatur. Nur knapp gelang es der Gruppe, die Schatten niederzuringen. Cazimir war nach dem Kampf derart geschwächt, dass er beim hastigen Aufbruch seinen Rucksack in den Katakomben zurückließ.
Jenseits der Grabkammern offenbarte sich ein gewaltiges Fresko, dessen steinerne Bilder die Geschichte der Schattenverfluchten Lande erzählten. Moonrise Towers erhob sich darauf ebenso wie die Zeichen Selûnes und Shars. Ketheric Thorm war als einst treuer Diener Selûnes dargestellt, ehe ihn ein unbekanntes Schicksal auf den Pfad der Dunkelheit geführt hatte. Zwischen den Darstellungen fanden sich infernalische Zeichen eines uralten Bundes zwischen Menschen und Teufeln, der den Krieg der Glaubensrichtungen beendet haben sollte. Über den Boden verstreut lagen zahllose Gebeine, und zwischen ihnen barg Cazimir eine alte Klinge, die noch immer ihren Wert besaß.
Die nächsten Hallen waren nicht weniger gefährlich. Ein verzauberter Teppich verschlang Zarissa beinahe, während lebende Rüstungen und schwebende Schwerter erwachten und den Tempel verteidigten. Erneut errangen die Gefährten nur mit Mühe den Sieg. Danach stießen sie auf Gold und Edelsteine, doch statt Freude brachte der Fund Zwietracht. Rhialla wollte die Schätze eines heiligen Ortes unberührt lassen, während Zarissa darin eine Möglichkeit sah, Nahrung, Medizin und Schutz für die Flüchtlinge zu beschaffen. Keine der beiden wich von ihrer Überzeugung ab, und das Schweigen zwischen ihnen begleitete sie bis an die Schwelle der letzten Kammer.
Dort ruhte das Sonnenschwert, eingeschlossen in einer Kuppel aus goldenem Licht. Sein Hüter, der Sonnenmeister, erkannte in den Fremden keine Verbündeten, sondern Feinde des Tempels. Schattenwesen folgten seinem Ruf, und der Kampf wurde erbitterter als jeder zuvor. Um ihre Gefährten zu schützen, stellte sich Zarissa dem Wächter entgegen und zog dessen ganze Aufmerksamkeit auf sich. Der Preis für ihren Mut war ihr Leben. Ein einziger vernichtender Schlag ließ die Paladin tot zu Boden sinken.
Für einen Augenblick schien jede Hoffnung mit ihr zu sterben.
Doch niemand dachte daran, den Kampf aufzugeben. Wut erfüllt und mit letzten Kräften, bezwangen die drei den Sonnenmeister. In den uralten Hallen fanden sie schließlich eine Schriftrolle der Wiederbelebung. Rhialla griff nach ihr, obwohl selbst sie nicht sicher sein konnte, ob ihre Verbindung zu Lathander für ein solches Wunder ausreichen würde.
Dennoch erhörte der Morgenfürst ihr Flehen. Das Licht kehrte in Zarissas leblosen Körper zurück, und wo eben noch Verzweiflung geherrscht hatte, fanden Freundschaft und Hoffnung neuen Raum. Der Streit der beiden Frauen verlor in diesem Augenblick jede Bedeutung.
Mit dem Sonnenschwert verließen sie zunächst den Tempel und wurden von den wartenden Flüchtlingen voller Freude empfangen. Doch Rhialla war überzeugt, dass dieser Ort nicht der Finsternis überlassen werden durfte. Gemeinsam mit Cazimir kehrte sie zurück, um die entweihte Stätte erneut zu segnen. Warmes Licht erfüllte die Katakomben und verdrängte die Schatten, die dort so lange geherrscht hatten.
Währenddessen begab sich Zarissa allein in die Halle der Eide. Zwischen den gewaltigen Statuen längst vergangener Glaubensstreiter sank sie auf die Knie und suchte in der Stille des alten Tempels ein Ohr, das ihre Reue vernehmen mochte. Den Schwur, den sie einst Bane gegeben hatte, brach sie aus freiem Willen. Sie legte sein Amulett ab, entsagte seinem Versprechen von Macht und erkannte, dass der Weg, den sie eingeschlagen hatte, sie nur tiefer in die Finsternis geführt hatte. Ihr Tod hatte sie gelehrt, welchen Preis sie dafür zu zahlen bereit gewesen war.
Als Rhiallas Segen den Tempel erneut mit dem warmen Licht des Morgenfürsten erfüllte, fiel der goldene Schein auch durch die Halle der Eide. Dort erreichte er Zarissa, die Lathander nicht um Stärke, sondern um eine neue Chance bat. Der Morgenfürst wies sie nicht zurück. Sein Licht umfing die ehemalige Höllenreiterin und nahm sie in seinen Dienst auf. Von diesem Augenblick an war sie nicht länger eine gebrochene Paladin auf Banes Pfad, sondern eine Paladin Lathanders, entschlossen, ihren neuen Schwur mit jeder kommenden Tat zu ehren.
Rhialla fand ihre Gefährtin wenig später noch immer im Gebet, umgeben von warmem Sonnenlicht. Erst in diesem stillen Augenblick erkannte sie, welchen Kampf Zarissa in ihrem Herzen geführt hatte. Ohne ihre Andacht zu stören, schloss sie leise die Tür und ließ sie mit ihrem Gott allein.
Die Nacht verbrachten Flüchtlinge und Gefährten in den nun wieder geweihten Hallen des Tempels. Als am folgenden Morgen das Licht des Sonnenschwertes den Weg durch die Schattenverfluchten Lande wies, schien selbst der uralte Fluch ein Stück seiner Macht verloren zu haben.
Am elften Blattfall lichtete sich schließlich der Nebel. In der Ferne erhoben sich die gewaltigen Mauern Baldur’s Gates gegen den Himmel. Ein leises Raunen ging durch die Reihen der Flüchtlinge, und zum ersten Mal seit langer Zeit keimte Hoffnung in ihren Herzen. Das Ende ihrer Reise schien endlich in greifbare Nähe gerückt zu sein.

