Das Red Lion Hotel war an diesem Morgen von einer trügerischen Ruhe erfüllt, wie sie nur an Orten existierte, die sich am Rand einer Katastrophe befanden und dennoch versuchten, Normalität zu bewahren. Das gedämpfte Licht fiel durch die Fenster in Thamaneas Zimmer, als sie langsam erwachte, doch es war nicht das Licht, das sie aus dem Schlaf holte.
Es war ein Blick.
Als sie die Augen öffnete, saß ein Rabe auf der Fensterbank und beobachtete sie. Sein Gefieder war tiefschwarz und schimmerte im Licht, doch eines seiner Augen fehlte. Die leere Stelle wirkte nicht wie eine Verletzung, sondern wie ein Zeichen, als wäre dieses Wesen nicht ganz von dieser Welt. Für einen Moment regte sich in ihr ein unheilvoller Gedanke, und sie erinnerte sich an das Ritual im Hain, an das Blut des einäugigen Raben, das den Seelenstein gebunden hatte.
Der Vogel neigte leicht den Kopf, als würde er sie erkennen.
Thamanea richtete sich langsam auf, ohne den Blick von ihm zu lösen, und nannte ihn schließlich Moe. Der Name kam leise über ihre Lippen, doch der Rabe reagierte darauf, als hätte er ihn angenommen. Von diesem Moment an wich er nicht mehr von ihrer Seite.
Unten im Schankraum des Red Lion herrschte bereits geschäftiges Treiben. Zwischen Händlern, Abenteurern und Söldnern verbreiteten sich Neuigkeiten wie ein Lauffeuer, und eine besonders düstere Nachricht lag schwer in der Luft. Camp Dawn der Silver Order war gefallen. Das Lager, das einst als befestigter Außenposten gegolten hatte, war niedergebrannt worden, und die Schuldzuweisungen folgten sofort. Die Silver Order beschuldigte die Hooded Lanterns, während andere Stimmen bereits von Verrat, Missverständnissen oder gezielter Eskalation sprachen. In Drakkenheim war Wahrheit selten eindeutig, und jede Fraktion formte sie nach ihren eigenen Interessen.
Die Darkk Lyres entschieden sich, gemeinsam mit einer Delegation der Amethyst Academy zurück zum Inscrutable Tower zu reisen, der nun unter der Kontrolle der Akademie stand. Der Weg durch die verfluchten Straßen Drakkenheims führte sie vorbei an den stillen Zeugen der jüngsten Ereignisse. Zwischen zerfallenen Mauern und vom Haze verzerrten Landschaften lagen die Leichen von Anhängern der Falling Fire, ihre Körper verdreht und von der Energie des Deleriums gezeichnet. Unter ihnen befand sich auch die Rüstung einer Ritterin der Silver Order, deren glänzendes Metall nun matt und bedeutungslos im Staub lag. Der Konflikt zwischen den Fraktionen war längst kein verborgenes Ringen mehr, sondern ein offener Krieg, der sich durch die Straßen der Stadt fraß.
Am Turm angekommen, wurden sie von Eldrick empfangen, dessen Präsenz ebenso kontrolliert wie undurchschaubar war. Er führte die Gruppe direkt in das Director’s Office, jenen Raum, der bereits zuvor den Eindruck vermittelt hatte, dass hier Entscheidungen getroffen wurden, die weit über die Mauern des Turms hinausreichten. Sein Blick fiel auf Noita und den Stab, den sie bei sich trug, und auch wenn er seine Worte sorgfältig wählte, war deutlich zu spüren, dass ihm diese Entwicklung missfiel.
Dennoch ließ er sie gewähren.
Als Funkenflug das Thema der Sorcerer Kings ansprach, veränderte sich Eldricks Haltung merklich. Die ruhige Fassade bekam Risse, und für einen kurzen Moment blitzte etwas auf, das an Zorn erinnerte. Seine Antwort fiel scharf aus, beinahe abweisend, und machte deutlich, dass dieses Wissen nicht für sie bestimmt war. Die Sorcerer Kings, so erklärte er knapp, gehörten einer längst vergangenen Zeit an und seien für ihre Angelegenheiten ohne Bedeutung.
Doch gerade diese Reaktion ließ erahnen, dass das Gegenteil der Fall war.
Währenddessen zogen sich Crois, Noita und Greymere in die Werkstätten des Turms zurück, wo sie begannen, die Hazewalker Plate zu schmieden. Zwischen glühenden Materialien, arkanen Runen und der instabilen Energie des Deleriums entstand Stück für Stück eine Rüstung, die nicht nur Schutz bieten, sondern auch dem tödlichen Einfluss des Haze widerstehen konnte. Der Prozess war ebenso gefährlich wie faszinierend, ein Zusammenspiel aus Handwerk und Magie, das nur unter größter Präzision gelang.
Als die Gruppe später wieder unter sich war, wandte sich Funkenflug mit einer neuen Bitte an Thamanea. Etwas in ihm ließ die Sache mit dem Turm nicht los, und so bat er sie, einen Blick in die tieferen Ebenen zu werfen. Thamanea nutzte ihre Magie, ließ ihren Geist durch die Strukturen des Turms gleiten und fand sich schließlich vor einem Kellergewölbe wieder, das von massiven Mauern und arkanen Barrieren geschützt war. Hinter diesen Wänden lagen Gefängniszellen, doch so sehr sie auch suchte, es zeigte sich kein offensichtlicher Zugang. Es war ein Ort, der bewusst verborgen gehalten wurde.
Schließlich wandte sich die Gruppe wieder ihrem eigentlichen Ziel zu.
Der Slaughterstone Square und der darunter liegende Eingang zur Kanalisation der Stadt.
Der Platz, einst ein Ort von öffentlicher Bedeutung, war nun eine der gefährlichsten Regionen Drakkenheims, durchzogen von Delerium, zerfallenen Monumenten und den Spuren unzähliger Kämpfe. Hier, so wussten sie, befand sich eines der Siegel, tief unter den Trümmern verborgen.
Doch der Platz war nicht verlassen.
Der Executioner lauerte dort.
Diese monströse Kreatur, geformt aus Wahnsinn, Magie und verdorbenem Fleisch, bewegte sich mit einer unheimlichen Zielstrebigkeit durch die Ruinen, als wäre sie selbst Teil eines grausamen Rituals, das niemals endete. Als die Gruppe den Platz betrat, blieb ihnen keine Zeit zur Vorbereitung, denn sie liefen dem Wesen direkt in die Arme.
Der Kampf, der folgte, war brutal und unerbittlich.
Der Executioner bewegte sich mit einer Wucht, die jeden einzelnen Treffer zu einer tödlichen Bedrohung machte, und seine Präsenz allein schien die Luft zu verdichten. Doch die Darkk Lyres hatten bereits Schlimmeres überstanden. Mit koordinierter Entschlossenheit, Magie und Stahl stellten sie sich dem Wesen entgegen, wichen seinen Angriffen aus und nutzten jede sich bietende Gelegenheit, um zurückzuschlagen.
Schließlich gelang es ihnen, die Kreatur zu Fall zu bringen.
Als der Executioner zusammenbrach, kehrte eine unnatürliche Ruhe über den Platz ein, als hätte selbst Drakkenheim für einen Moment innegehalten. Der Sieg war hart errungen, doch er brachte sie ihrem Ziel näher.
Unter den Trümmern wartete noch immer das Siegel.
Und mit ihm weitere Geheimnisse, die tief in den Wunden dieser Stadt verborgen lagen.

