Der Hain von Morrigan lag still unter einem Himmel aus bleiernem Grau, doch diese Stille war von jener Art, die nicht beruhigte, sondern lastete. Die blutroten Blätter der Bäume bewegten sich kaum im Wind, und die Knochenanhänger, die von den Ästen hingen, klangen nur leise, als würden sie das Flüstern einer uralten Macht tragen. Inmitten dieses unheimlichen Ortes stand Thamanea vor Eoghan Ghostweaver, während die schwarzen Raben sie aus allen Richtungen beobachteten.
Der Druide verlor keine Zeit mit Umschweifen. In seinen Händen lag ein kleiner, unscheinbarer Stein, dunkel und doch von einem schwachen inneren Schimmer durchzogen, als würde etwas darin schlummern, das noch keinen Namen hatte. Als er ihn Thamanea überreichte, spürte sie sofort, dass dies kein gewöhnliches Artefakt war. Der Stein fühlte sich kalt an, doch die Kälte war nicht die eines Materials, sondern die eines leeren Raumes, der darauf wartete, gefüllt zu werden.
Eoghan erklärte ihr, dass dies ein Seelenstein sei, ein Gefäß für etwas, das nicht leichtfertig gebunden werden durfte. Wenn sie ihr eigenes Leben retten wollte, musste sie eine Seele einfangen, die ihr mindestens ebenso viel bedeutete wie Funkenflug. Nur ein solcher Ausgleich würde Morrigan besänftigen. Seine Worte waren ruhig, doch sie ließen keinen Raum für Zweifel, und als er hinzufügte, dass er nicht sagen könne, wie lange ihr noch blieb, legte sich eine unsichtbare Last auf ihre Schultern, die schwerer wog als jede Rüstung.
Die Gruppe verließ den Hain in bedrücktem Schweigen, begleitet vom Rascheln der Rabenflügel, und machte sich auf den Rückweg nach Emberwood Village. Die Welt wirkte vertrauter als der Schrein, doch für Thamanea hatte sich etwas unwiderruflich verändert. Das Gefühl, das an ihr zehrte, war noch immer da, leise und stetig, und mit jedem Schritt wurde ihr klarer, dass die Zeit nicht auf ihrer Seite war.
Im Red Lion Hotel in Emberwood angekommen, fanden sie eine Atmosphäre vor, die im krassen Gegensatz zu dem stand, was sie hinter sich gelassen hatten. Stimmen erfüllten den Raum, Gläser klirrten, und das warme Licht der Laternen ließ für einen Moment vergessen, wie nah die Katastrophe von Drakkenheim tatsächlich war. Ryan Greymere war bereits dort und hatte sich mit einem Vertreter der Amethyst Academy eingefunden, was ihre Absicht unterstrich, sich wieder in die Angelegenheiten der Akademie einzubringen.
Während sich die Gruppe verteilte, suchte Crois das Gespräch mit ihr und sprach die Rüstung an, die sie trug. Greymere erklärte ihm ohne Zögern, dass es sich um eine Hazewalker Plate handelte, ein Werk, das sowohl selten als auch gefährlich in der Herstellung war. Sie nannte ihm die notwendigen Komponenten mit der Selbstverständlichkeit einer erfahrenen Forscherin: eine Delerium-Geode, beträchtliche Mengen Gold und Meteoritenerz. Es war kein unmögliches Ziel, aber eines, das Planung, Ressourcen und Zeit erforderte.
Für Thamanea jedoch rückten all diese Dinge in den Hintergrund, als sie inmitten der Gäste zwei vertraute Gesichter erkannte.
Benjen und Hoid.
Der Moment war von einer Schwere erfüllt, die sich nicht in Worte fassen ließ. Sie hatte mit ihnen korrespondiert, hatte gehofft, sie eines Tages wiederzusehen, doch sie hatte nicht erwartet, dass es hier, in dieser Stadt voller Gefahren und Geheimnisse, geschehen würde. Ihre Brüder wirkten gezeichnet von der Flucht, ihre Blicke wachsam, als erwarteten sie jederzeit Verfolger, und ihre Worte bestätigten diese Befürchtung. Sie erzählten ihr von den Steelfang Mercenaries, die ihnen dicht auf den Fersen waren, und von den Ereignissen, die sie zu Gejagten gemacht hatten.
Ohne zu zögern entschied Thamanea, ihnen Schutz zu bieten, und schlug vor, sie in der Garnison der Hooded Lanterns unterzubringen, wo sie zumindest vorerst sicher sein würden. Sie teilte der Gruppe mit, wen sie getroffen hatte, und trotz der angespannten Lage gönnten sie sich an diesem Abend eine Pause. Sie reinigten sich vom Schmutz und Blut der vergangenen Tage und ließen für einen Moment zu, dass so etwas wie Ruhe einkehrte.
Am nächsten Morgen, dem sechsten Mai, nahm die Realität sie wieder ein. Noita traf auf die Zwerge der Smithy on the Scar und gab die Bestellung für eine Delerium-Geode auf, während die Gruppe sich gemeinsam mit Benjen und Hoid auf den Weg zur Garnison der Hooded Lanterns machte.
Dort angekommen, kehrte für kurze Zeit eine Art Routine ein. Crois erstattete Bericht beim Lord Commander, während die anderen sich mit kleineren Aufgaben beschäftigten, trainierten, Zauber studierten oder sich dem Gebet widmeten. Es war eine trügerische Ruhe, ein Moment des Innehaltens, bevor sich die Ereignisse weiter zuspitzen würden.
Für Thamanea jedoch war diese Zeit von innerem Konflikt geprägt.
Sie verbrachte viele Stunden mit ihren Brüdern, sprach mit ihnen, erinnerte sich an vergangene Zeiten und ließ sich von ihrer Gegenwart für einen Moment glauben, dass noch nicht alles verloren war. Doch im Hintergrund blieb der Seelenstein, verborgen und schwer wie ein unausgesprochenes Urteil.
Schließlich traf sie eine Entscheidung.
Sie führte Benjen, ihren älteren Burder, tiefer in die Garnison, hinunter in die Bereiche, die nur wenige betraten, und öffnete die Tür zu einer Zelle, in der das Wesen gefangen gehalten wurde, das einst ihr Vater gewesen war. Der Fluch des Haze hatte ihn verändert, hatte ihn zu etwas gemacht, das weder vollständig lebendig noch vollständig tot war, ein Zerrbild dessen, was er einmal gewesen war.
Während Benjen abgelenkt war, gefangen zwischen Entsetzen und Unglauben angesichts dieses Anblicks, trat Thamanea einen Schritt zurück. In ihrer Hand lag der Seelenstein, dessen Oberfläche nun schwach zu pulsieren begann, als würde er auf das vorbereitet sein, was geschehen sollte.
Die Worte Ghostweavers hallten in ihr nach.
Mit einer ruhigen, beinahe mechanischen Bewegung wirkte sie den Zauber, der ihren Vater ergriff und seinen verdorbenen Willen unter ihren eigenen zwang. Für einen kurzen Moment schien die Zeit stillzustehen, als hätte selbst die Welt gezögert, diesen Punkt zu erreichen.
Dann setzte sich das Monster in Bewegung. Thamane wirkte einen Zauber, der alle Geräusche in der Zelle unterdrückte.
Was folgte, geschah schnell, zu schnell, als dass es aufgehalten werden konnte. Benjen hatte kaum Zeit zu reagieren, als die Kreatur ihn erreichte, und der Kampf war einseitig und brutal. In diesem engen Raum gab es kein Entkommen, keinen Ausweg, nur die unausweichliche Konsequenz von Thamaneas Entscheidung.
Als sein Leben erlosch, geschah es fast unmerklich. Ein Flackern. Ein Ziehen.
Die Seele löste sich und wurde vom Stein erfasst, der in Thamaneas Hand kurz aufleuchtete, bevor sein Licht wieder erlosch.
Sie verbarg ihn sofort.
Dann rief sie nach Hilfe.
Die Soldaten der Garnison reagierten schnell, stürmten die Zelle und töteten das Wesen ohne Zögern, das für sie nichts weiter als eine weitere Abscheulichkeit aus dem Haze war. Für sie war es ein notwendiger Akt. Für Thamanea war es das Ende von etwas, das schon lange verloren gewesen war.
Als alles vorbei war, blieb nur Stille. Ihr Bruder und ihr Vater waren nicht mehr.
Eine einzelne Träne lief ihr lautlos über die Wange.

