Session 32 – Nexus

Der Nexus offenbarte sich ihnen als das schlagende, instabile Herz des Inscrutable Towers, ein Ort, an dem sich die Grenzen der Realität auflösten und rohe, ungezügelte Magie unaufhörlich durch den Raum strömte. Kaum hatten sie die Schwelle überschritten, breitete sich vor ihnen eine gewaltige Kammer aus, deren Zentrum von einer unfassbaren arkanen Apparatur dominiert wurde. Auf einem massiven Obsidianpodest ruhte ein Konstrukt aus rotierenden Messingringen, goldenen Platten und schwebenden Instrumenten, die sich in präzisen, beinahe lebendig wirkenden Bahnen umeinander bewegten. Kristallene Linsen brachen das Licht in schillernde Spektren, während im Inneren eine pulsierende Sphäre aus Energie zuckte und sich krümmte, als würde sie unter der Last mehrerer Realitäten zugleich stehen.

Unregelmäßige Entladungen arkaner Macht durchzogen den Raum, ließen den Boden erzittern und erfüllten die Luft mit einem tiefen, vibrierenden Grollen. Rings um das Konstrukt schwebten acht massive Stühle, gehalten von komplexen bronzenen Armen, deren Mechaniken unermüdlich arbeiteten. In jedem dieser Sitze befand sich ein Körper, doch die Überreste waren so verzerrt und entstellt, dass sie kaum noch als einstige Menschen zu erkennen waren. Es wirkte, als hätten sie über lange Zeit hinweg als Teil der Maschine existiert – aufgezehrt von der Magie, die sie kontrollieren sollten.

Über ihnen spannte sich eine gewaltige Glaskuppel, deren einzelne Segmente nicht einen gemeinsamen Himmel zeigten, sondern viele. Fremde Sterne, verzerrte Konstellationen und unnatürliche Farben erstreckten sich über ihnen, während Blitze durch diese fernen Firmamente zuckten und den Eindruck verstärkten, dass dieser Ort nicht mehr vollständig zu einer einzigen Welt gehörte.

Noch während die Gruppe die Tragweite dessen begriff, trat eine Gestalt aus den Schatten hervor. Ryan Greymere bewegte sich mit ruhiger Entschlossenheit, ihre Rüstung reflektierte das unstete Licht der Maschine, während ihre weißen Roben ihr eine fast geisterhafte Erscheinung verliehen. Ihr Blick war scharf, wachsam – aber nicht feindselig.

Das Gespräch, das sich entspann, war direkt und ohne Umschweife. Greymere verlor keine Zeit mit Höflichkeiten, sondern verlangte Antworten, während Noita ihrerseits die Gelegenheit nutzte, um von den aktuellen Plänen der Amethyst Academy zu berichten. Sie sprach davon, dass die Akademie nicht länger nur versuchte, das Delerium einzudämmen, sondern begonnen hatte, den großen Meteor selbst als Quelle arkaner Macht zu betrachten und anzuzapfen.

Greymere reagierte darauf nicht mit Überraschung, sondern mit einem bitteren, fast müden Verständnis. Sie hatte die Akademie verlassen, weil sie erkannt hatte, dass deren Führung nicht bereit war, die notwendigen Schritte zu gehen, um die Geheimnisse des Deleriums wirklich zu begreifen. In ihren Augen hatte die Akademie sich hinter Regeln und den Edikten von Lumen versteckt, während die Welt sich veränderte. Doch das, was Noita nun schilderte, zeigte ihr, dass sich die Akademie weiterentwickelt hatte – vielleicht nicht in die Richtung, die sie einst gefordert hatte, aber doch in eine, die Handlungsbereitschaft erkennen ließ.

Für einen Moment herrschte Stille zwischen ihnen, während Greymere die neuen Informationen abwog. Schließlich nickte sie knapp.

„Dann haben sie also doch begonnen, zu handeln,“ sagte sie leise. „Zu spät… vielleicht. Aber nicht bedeutungslos.“

Ihre Entscheidung fiel rasch. Ohne weitere Zögerung erklärte sie sich bereit, die Gruppe zu unterstützen und sich wieder an die Akademie anzunähern – nicht aus Loyalität, sondern aus der Überzeugung heraus, dass die Erforschung des Deleriums und die Kontrolle seiner Auswirkungen wichtiger waren als alte Differenzen.

Doch kaum war diese fragile Einigung getroffen, begann der Nexus zu reagieren.

Das Summen der Maschine schwoll zu einem bedrohlichen Dröhnen an, die rotierenden Elemente beschleunigten sich, und die Sphäre im Zentrum begann unkontrolliert zu pulsieren. Die Luft verzerrte sich sichtbar, als erste Risse in der Realität entstanden, zunächst wie feine Brüche im Raum selbst, dann weit genug geöffnet, um etwas hindurchzulassen.

Die erste Welle von Kreaturen brach aus diesen Rissen hervor, Wesen, deren Formen sich jeder klaren Definition entzogen. Die Gruppe reagierte instinktiv, doch schnell wurde klar, dass ein reiner Kampf sie nicht retten würde. Noita erkannte die Funktion der Stühle und rief den anderen zu, dass sie den Nexus herunterfahren mussten, bevor er vollständig außer Kontrolle geriet.

Während sie begannen, die Mechanismen zu bedienen, entwickelte sich ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit. Jeder Versuch, einen der Stühle zu deaktivieren, erforderte höchste Konzentration und präzises Verständnis der arkanen Zusammenhänge, während gleichzeitig neue Entladungen durch den Raum peitschten. Fehler wurden sofort bestraft, als würde die Maschine selbst auf jeden Eingriff mit aggressiver Gegenwehr reagieren.

Mit jedem Fortschritt wurde der Zustand des Nexus zunächst instabiler, und weitere Kreaturen wurden in die Kammer gerissen. Die Kämpfe wurden intensiver, chaotischer, während die Realität selbst zu flackern begann.

Schließlich öffnete sich ein besonders großer Riss, und aus ihm trat ein Wesen hervor, dessen bloße Präsenz den Raum zu ersticken schien. Der Beholder schwebte lautlos in den Nexus, seine vielen Augen richteten sich gleichzeitig auf die Gruppe, während ein kaltes, berechnendes Bewusstsein hinter seinem Blick lauerte.

Die darauffolgende Konfrontation war kurz und von tödlicher Präzision geprägt. Funkenflug stellte sich dem Wesen entgegen, entschlossen, seinen Gefährten Zeit zu verschaffen, doch ein einziger Strahl aus der Vielzahl der Augen genügte, um ihn aus der Existenz zu tilgen. Dort, wo er gestanden hatte, blieb nichts als Asche zurück, die lautlos zu Boden sank.

Der Schock dieses Moments drohte die Gruppe zu lähmen, doch die Situation ließ keine Zeit für Stillstand. Mit letzter Kraft gelang es ihnen, die verbleibenden Stühle zu deaktivieren und den Nexus schließlich zum Erliegen zu bringen. Die Sphäre flackerte ein letztes Mal auf, bevor sie erlosch, und die Risse in der Realität begannen sich langsam zu schließen.

Erst als die unmittelbare Gefahr vorüber war, konnte die Gruppe den Verlust begreifen. Thamanea kniete sich zu den Überresten ihres Gefährten, doch anstatt der Verzweiflung nachzugeben, griff sie nach einer letzten Möglichkeit. Sie rief Eoghan Ghostweaver an, dessen Wissen und Verbindung zu den alten Kräften weit über das hinausgingen, was gewöhnliche Magie leisten konnte.

Die Antwort erreichte sie über die Ebenen hinweg, leise und doch unausweichlich. Unter seiner Anleitung begann sie ein Ritual, das tief in die Kräfte von Leben und Tod eingriff. Die Asche erhob sich, wurde von einer fremdartigen, uralten Energie erfasst, und Flammen entfachten sich, die nicht verbrannten, sondern formten.

Langsam, beinahe widerwillig, nahm Funkenflugs Gestalt wieder Form an, bis er schließlich keuchend und erschöpft vor ihnen stand, zurückgekehrt aus dem Nichts.

Doch dieser Sieg war nicht ohne Preis.

Eoghan machte Thamanea unmissverständlich klar, dass eine solche Rückkehr nicht ohne Konsequenzen blieb. Sie hatte eine Schuld auf sich geladen, eine Verpflichtung gegenüber Morrigan, die eingefordert werden würde. Seine Worte klangen noch lange nach, selbst nachdem die Verbindung längst verblasst war.

So verließen die Darkk Lyres den Nexus nicht nur als jene, die eine Katastrophe verhindert hatten, sondern auch als Träger einer neuen Bürde – einer Schuld, die sie früher oder später einholen würde.

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