Die Stille im Nexus wirkte zunächst wie eine Erlösung nach dem tobenden Chaos, doch sie trug eine unterschwellige Schwere in sich, die sich erst langsam bemerkbar machte. Während die Darkk Lyres zwischen den nun reglosen Apparaturen standen und das schwache Nachglimmen der Maschine beobachteten, war es Thamanea, die als Erste spürte, dass etwas nicht stimmte. Es begann als kaum greifbares Ziehen in ihrer Brust, ein leises, stetiges Schwinden, das sich weder wie Schmerz noch wie Erschöpfung anfühlte, sondern vielmehr wie ein langsames Entgleiten von etwas Essenziellem. Mit jedem Atemzug wurde ihr deutlicher, dass dies kein vorübergehender Zustand war, sondern die Konsequenz dessen, was sie getan hatte. Die Worte Eoghan Ghostweavers hallten in ihr nach, und sie verstand, noch bevor es jemand aussprach, dass der Preis bereits begonnen hatte, eingefordert zu werden.
Trotz dieses wachsenden Unbehagens entschied sich die Gruppe, den Turm und dessen unteren Stockwerke mit all seinen endlosen Kammern weiter zu erkunden, als wollten sie die Kontrolle über die Situation zurückgewinnen, indem sie zumindest das Verständnis für diesen Ort vertieften. In einem abgelegenen Abschnitt stießen sie auf eine versiegelte Tür, deren kleines Sichtfenster einen Blick in einen Raum gewährte, der augenblicklich Unbehagen auslöste. Hinter dem Glas bewegte sich etwas Formloses, eine schleimige, pulsierende Masse, die sich über Tische und Apparaturen zog und dabei ein leises, feuchtes Geräusch erzeugte. Ihre Struktur veränderte sich ständig, als hätte sie keinen festen Körper, sondern bestünde aus lebender Substanz, die sich nach eigenen, fremdartigen Regeln organisierte. Niemand in der Gruppe verspürte den Drang, diese Tür zu öffnen, und so wandten sie sich wortlos ab, als wäre allein der Anblick bereits Warnung genug gewesen.
Ein weiterer Raum offenbarte eine andere Art von Relikt aus der Zeit der Akademie, nämlich eine Art zoologischer Bereich, der einst zur Haltung und Erforschung magischer Kreaturen gedient haben musste. Viele der Gehege waren leer oder zerstört, doch zwei von ihnen waren noch bewohnt. In einem saß ein junger Silberdrache, dessen Schuppen im schwachen Licht kühl glänzten und dessen Blick wachsam und aufmerksam war, während in einem benachbarten Gehege ein Greifenjunges kauerte, dessen Haltung trotz seiner Jugend bereits Stolz und Wildheit verriet. Noita näherte sich den beiden mit bemerkenswerter Ruhe und Geduld, sprach leise mit ihnen und nutzte sowohl Instinkt als auch Erfahrung, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Mit passenden Futtergaben gelang es ihr schließlich, die anfängliche Distanz zu überwinden, sodass die beiden Kreaturen ihre Nähe akzeptierten und sich beruhigten. Sie gab dem Drachen den Namen Ithil und nannte den jungen Greifen Malina, und mit diesen neuen Begleitern an ihrer Seite verließ die Gruppe schließlich den Turm.
Der Rückweg führte sie zunächst nicht direkt nach Emberwood Village, sondern zu den Zwergen an der Schmiede an der Scar, wo die Narben des Meteoreinschlags die Landschaft gezeichnet hatten und das stetige Hämmern von Metall durch die Luft hallte. Zwischen Hitze, Funkenflug und dem Geruch geschmolzenen Erzes handelten sie mit den Zwergen und gaben eine Bestellung für Meteoritenerz und Meteoreisen auf, Materialien von großem Wert, deren Bezahlung jedoch noch ausstand. Erst danach setzten sie ihren Weg fort und erreichten schließlich Emberwood Village, das im Vergleich zur trostlosen Leere Drakkenheims beinahe lebendig wirkte. Stimmen, Gelächter und geschäftiges Treiben erfüllten die Straßen, während Händler, Abenteurer und Schatzsucher ihre Waren tauschten und die kleine Kapelle im Zentrum weiterhin vom Licht der Sacred Flame erhellt wurde.
Doch für die Darkk Lyres war das Dorf nur eine Zwischenstation, denn Thamaneas Zustand ließ keinen Aufschub zu, und so brachen sie bald darauf erneut auf, diesmal in Richtung des Schreins von Morrigan. Je weiter sie sich von den bekannten Wegen entfernten, desto stärker veränderte sich die Atmosphäre um sie herum. Der Wald wurde dichter, die Luft kühler, und mit jedem Schritt schien sich eine unsichtbare Präsenz bemerkbar zu machen. Zunächst waren es nur vereinzelte Raben, die sie beobachteten, doch bald wurden es immer mehr, bis sie von einer wachsenden Schar schwarzer Vögel begleitet wurden, die auf den Ästen saßen, über ihnen kreisten oder sie mit ihren dunklen, glänzenden Augen fixierten.
Der Schrein selbst lag in einem Hain, der in einem ewigen Herbst gefangen schien, dessen Bäume blutrote Blätter trugen und dessen Äste mit Knochenanhängern geschmückt waren, die leise im Wind klirrten. In der Mitte des Hains erhoben sich fünf uralte Menhire in einem Halbkreis um einen steinernen Altar, dessen Oberfläche von dunklen, alten Blutspuren gezeichnet war, während gegenüber ein in den Fels gearbeiteter Grabhügel lag, der als Behausung des Druiden diente.
Eoghan Ghostweaver trat ihnen entgegen, noch bevor sie den Altar vollständig erreicht hatten, und sein Blick fiel unmittelbar auf Thamanea, als hätte er ihre Ankunft bereits erwartet. Ohne Umschweife erklärte er ihr, was mit ihr geschah, und bestätigte damit ihre schlimmsten Befürchtungen. Die Rückkehr Funkenflugs war kein Wunder ohne Konsequenzen gewesen, sondern ein Ausgleich, der die Ordnung zwischen Leben und Tod wiederherstellen musste. Morrigan verlangte eine Seele von gleichem Wert, und solange diese Schuld nicht beglichen war, würde Thamanea selbst langsam zu diesem Ausgleich werden.
Das Gefühl, das sie seit dem Nexus verspürte, war der Anfang dieses Prozesses, ein schleichender Verfall, der sich nicht aufhalten ließ. Wenn sie keine andere Seele darbrachte, würde Morrigan sie schließlich selbst fordern. Die Worte des Druiden ließen keinen Raum für Zweifel oder Hoffnung auf einen einfacheren Ausweg, und während die Raben über ihnen unruhig ihre Kreise zogen, wurde der Gruppe klar, dass sie zwar dem Tod entkommen waren, ihn jedoch keineswegs hinter sich gelassen hatten.

